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Polarisationsfilter - Mythos und Praxis

Bitte beachten Sie auch meinen Polfilter-Vergleichstest

Einführung

Kaum ein fotografisches Zubehörteil wird so oft in den Fotografie-Foren diskutiert und von Händlern als ultimatives Bildverbesserungsmittel angepriesen wie der Polarisationsfilter. Glaubt man alles, was man hierzu liest, ist so ein Polfilter ein absolutes Wunderding: Er reduziert Spiegelungen, er kann Spiegelungen aber auch verstärken, ebenso verstärkt er das Himmelblau oder die Farben eines Regenbogens, er verbessert Kontraste in Landschaftsaufnahmen, er ermöglicht Einblicke in sonst undurchsichtige Fenster oder unter die Wasseroberfläche, er macht das Blattgrün in Naturfotos satter, er beseitigt das unerwünschte Glitzern beim Abfotografieren von Ölbildern und er lässt Mineralien in mikroskopischen Bildern leuchtend erscheinen.

Fast täglich gibt es Forenbeiträge von Hobbyfotografen, die einen Polfilter gekauft haben und nun enttäuscht sind, weil sich auf ihren eigenen Fotos keiner der Effekte in ausreichendem Umfang einstellen will. Oder es werden hochwertige Polfilter in Rezensionen bei Amazon und anderen Online-Händlern abgewertet, weil sie angeblich nicht die versprochene Wirkung haben.

Funktionsprinzip

Eigentlich können Polarisationsfilter recht wenig. Aber dieses Wenige kann zu erstaunlichen Effekten genutzt werden, sofern die Aufnahmebedingungen passen. Jede der oben aufgezählten Anwendungen ist zumindest unter den richtigen Begleitumständen machbar. Man darf aber nicht erwarten, dass alles jederzeit funktioniert.

Was ist also nun das Funktionsprinzip des Polarisationsfilters? Kurz gesagt: Ein Polarisationsfilter filtert Licht einer bestimmten Polarisationsrichtung aus.

Licht breitet sich in Form von Wellen aus, und Wellen haben eine Schwingungsrichtung. Die Schwingungsrichtung der Lichtwellen bestimmt die sogenannte Polarisation des Lichtes. Eine Lichtwelle kann von links nach rechts schwingen; dann nennt man sie "horizontal". Schwingt die Lichtwelle von oben nach unten, heißt sie "vertikal". Und natürlich gibt es auch alle Zwischenstufen zwischen horizontaler und vertikaler Schwingungsrichtung.

Gewöhnliches Licht enthält eine gleichmäßige Mischung aller Richtungen; dann nennt man dieses Licht "unpolarisiert", weil es sich keiner Richtung zuordnen lässt.

Unter bestimmten Umständen kann Licht jedoch auch polarisiert sein. Das bedeutet, dieses Licht enthält bevorzugt Wellen einer bestimmten Polarisationsrichtung, und die gegenteilige (d. h. um 90° hierzu gedrehte) Polarisation kommt nicht vor. Uns ist dies normalerweise nicht bewusst, da unser Auge die Polarisationen nicht unterscheiden kann. Für uns Menschen sieht Licht immer gleich aus, egal welche Schwingungsrichtung die Wellen haben.
Ganz anders ein Polarisationsfilter: Er lässt Licht einer Polarisationsrichtung durch, sperrt aber Licht der hierzu um 90° gedrehten Polarisationsrichtung. Um einzustellen, welche Richtung gesperrt werden soll, lässt sich der Filter in seiner Fassung drehen.

Setzt man testweise zwei Polfilter hintereinander, kann man sie durch Verdrehen zur Abdunklung bringen; die Abdunklung setzt ein, wenn der zweite Filter genau die Polarisationsrichtung sperrt, die der erste durchlässt. Fahren Sie mit der Maus über das folgende Bild, um den Effekt zu sehen:

Man muss einen Polfilter nie weiter als um 90° drehen, denn das entspricht dem Unterschied zwischen seiner schwächsten und stärksten Wirkung. Dreht man ihn um insgesamt 180°, ist die Wirkung wieder so, als hätte man ihn nie angefasst.

Solange das Motiv nur unpolarisiertes (also gemischtes) Licht enthält, tut der Polarisationsfilter nichts Anderes, als gut die Hälfte des Lichts zu löschen. Er wirkt dann wie ein leichter Graufilter.

Interessant wird es, wenn Teile des Lichtes im Motiv polarisiert sind (d. h. bevorzugt Wellen einer bestimmten Richtung enthalten). Dann können wir den Polfilter so drehen, dass er genau dieses Licht auslöscht oder relativ zur Umgebung verstärkt - und auf dieser physikalischen Grundlage basieren die meisten Effekte, für die man Polfilter einsetzen kann.

Für einen schnellen Polfilter-Funktionstest zuhause kann man einen beliebigen LCD-Monitor verwenden - denn dieser enthält bereits eine Polfilter-Folie und gibt daher polarisiertes Licht ab:

Polfilter vor Monitor gehalten (Durchlassrichtung) Polfilter vor Monitor gehalten (Sperrrichtung)

Im ersten Bild wurde der Polfilter so gedreht, dass er genau die Polarisationsrichtung durchlässt, die der Monitor abgibt. Das Monitorbild wird nur geringfügig abgedunkelt. Der dahintergehaltene Finger gibt unpolarisiertes (gemischtes) Licht ab, wovon der Polfilter eine Hälfte auslöscht. Dadurch wird der Finger hinter dem Polfilter um gut 1 Blendenstufe dunkler.
Im zweiten Bild wurde der Polfilter gegenüber dem ersten Bild um 90° gedreht. Er löscht jetzt genau die Polarisationsrichtung aus, die der Monitor abgibt; das Monitorbild wird schwarz. Vom Licht des unpolarisierten Fingers wird weiterhin eine Hälfte durchgelassen; der Finger bleibt also genauso hell wie im ersten Bild.

Autor: Andreas Beitinger
Letzte Änderung: April 2016

Nächster Teil

Einführung und Funktionsprinzip

Entstehung und Ausbreitung von polarisiertem Licht

Praktische Anwendung von Polfiltern

Anwendungen: Spiegelungen beseitigen oder verstärken

Anwendungen: Farben und Kontraste verbessern

Anwendungen: Glitzern auf Ölbildern beseitigen

Anwendungen: Direkten Blitz entschärfen (Guerilla-Methode)

Anwendungen: sonstige

Kaufberatung: Linear oder zirkular?

Kaufberatung: Billig oder teuer?

Kaufberatung: Größe und Bauform

Fazit: Wann braucht man Polarisationsfilter wirklich?

Polfilter allgemein - Polfilter (B+W) - Polfilter (Hoya) - Polfilter (Heliopan) - Polfilter (Haida)

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