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Eingabeprofile

Scannerprofile

Wird noch analog fotografiert, oder sollen vorhandene Vorlagen digitalisiert werden, kommt ein Flachbettscanner oder Filmscanner zum Einsatz. Scanprogramme bieten, genau wie digitale Kameras und RAW-Konverter, die Ausgabe fertiger Bilddaten in einem wählbaren Arbeitsfarbraum. Allerdings kann es im Fall von Scannern auch manchmal sinnvoll sein, eine individuelle Kalibrierung vorzunehmen.

Gerade Flachbettscanner werden häufig zum direkten Kopieren vorhandener Foto-Vorlagen genutzt, und das soll dann natürlich so nah wie möglich am Original liegen - also ein Paradebeispiel für angewandtes Farbmanagement. Im Fall von Filmscannern ist der Nutzen exakter Profile weniger hoch: Negative bieten einen enormen Belichtungsspielraum und lassen auch gewisse Toleranzen für die Farbabstimmung. Da also die Übertragung von Negativen in digitale Dateien immer Interpretationssache ist, kommt man mit einem "exakten" Profil nicht sehr weit. Für Dias lohnt sich die Profilierung noch eher, aber auch hier bietet sie eher eine neutrale Ausgangsbasis für die weitere Optimierung als das "richtige" und endgültige Ergebnis.

Die individuelle Profilierung von Scannern ist technisch nicht sehr aufwendig. Neben einer speziellen Vorlage, deren exakte Farben bekannt sein müssen, wird eine Software benötigt, die aus so einem Probescan dann ein Profil erstellt. Alternativ kann man den Probescan an einen Dienstleister mailen, der das Scannerprofil ausarbeitet.

Guten Scannern liegt manchmal schon eine genormte Vorlage (IT8-Chart) bei. Im Fall von Flachbettscannern ist es ein auf Fotopapier belichtetes Testbild. Im Fall von Filmscannern wird ein genormtes Test-Dia verwendet. Die mitgelieferte Scansoftware unterstützt dann die Profilerstellung; entweder wird ein echtes ICC-Profil berechnet, oder es wird ein herstellerspezifisches Profil verwendet, das dann nur innerhalb dieser Scansoftware verwendet werden kann.

Im Bereich professioneller Scanner besteht die Möglichkeit, dass die Scansoftware ein komplett lineares (also noch nicht gammakorrigiertes) "Scanner-RAW" (meist als 16-Bit-TIFF) ausgibt und dies mit dem original gemessenen Scannerprofil versieht. Die Konvertierung in den gewünschten Arbeitsfarbraum obliegt dann einer externen Bildbearbeitungssoftware bzw. dem CMM. Das ist ICC-Farbmanagement wie aus dem Lehrbuch - aber in der Praxis eher die Ausnahme.

In vielen Fällen sind die Hersteller der Scansoftware der Meinung, auch die Arbeitsfarbraum-Konvertierung und weitere Optimierung des Scans mit übernehmen zu müssen. Dann verwenden sie für ihre integrierte Profilierungsfunktion ein proprietäres Format, das sich nicht als ICC-Profil exportieren lässt. Sie sprechen in der Regel auch nicht von Profilierung, sondern von Kalibrierung. Die Scansoftware gibt dann immer Bilder in einem Arbeitsfarbraum aus; das entspricht der bekannten Vorgehensweise von Digitalkameras und RAW-Konvertern.

Wer einen einfacheren Scanner ohne Profilierungs- oder Kalibrierungsfunktion besitzt, kann bei Bedarf dennoch in den Genuss eines exakten Profils kommen. Sofern sich die Scansoftware auf feste Ausgabedaten einstellen lässt (also nicht von Fall zu Fall per Automatik ihre Einstellungen ändert), kann man eine Profilierungsvorlage scannen und dann durch eine externe Software daraus ein ICC-Profil errechnen lassen. Danach lässt sich den künftigen Scans, die natürlich unter den immer gleichen Einstellungen gemacht werden müssen, dieses Profil zuweisen. Farbliche Abweichungen vom Soll werden so ausgeglichen.
Ideal als Grundlage der Profilierung wäre ein unkorrigiertes, lineares 16-Bit-TIFF, aber leider geben nur die wenigsten nichtprofessionellen Scanprogramme so eines aus.

Betonen sollte man in dem Zusammenhang noch, dass die meisten Scanner, ähnlich wie Digitalkameras, brauchbare neutrale Grundeinstellungen mitbringen. Wann immer die Ansprüche an die absolut genaue Reproduktion nicht gegeben sind, kann man sich die Profilierung des Scanners sparen und stattdessen die Farben am Bildschirm nach Gefühl oder nach Geschmack einstellen.
Speziell das Scannen von Negativen und Dias kann sogar als kreativer Akt verstanden werden (ähnlich wie das Vergrößern von Negativen im Heimlabor), bei dem man analoge Bildvorlagen noch optimiert oder sogar korrigiert. Dann wäre eine Profilierung völlig fehl am Platz.

Mit einer Profilierung oder Kalibrierung des Scanners kann man maximal eine exakte farbliche Übereinstimmung mit der analogen Foto-Vorlage bekommen. Inwieweit diese analoge Foto-Vorlage der Realität entspricht, ist damit noch lange nicht geklärt.
Eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zum Zweck der exakten Reproduktion (wie beim Profilieren von digitalen Kameras angestrebt) würde voraussetzen, dass man bereits mit der analogen Kamera eine Testvorlage abfotografiert hat, alle unter diesen Bedingungen genutzten Filme absolut identisch entwickelt und mit identischer Einstellung gescannt hat, und nun ein Profil für den analog-digitalen Gesamtprozess errechnet.
Praktisch ist sowas nur umsetzbar, wenn man heute neu fotografiert, denn nur dann könnte man auch im analogen Teil des Workflows für die notwendige Präzision sorgen und entsprechende Testvorlagen mitfotografieren. Aber es gibt kaum Gründe, aus denen man heute für eine streng farbverbindliche Aufgabe überhaupt noch analoge Kameras einsetzen wollte.

99 % der heute gefertigten Scans haben den Zweck, schon lange vorhandene Archivbilder digital nutzbar zu machen. Bei dieser Art von Scans ist der Nutzen von Farbmanagement und Profilen gering, eben weil die Voraussetzungen für farbrichtiges Arbeiten durch die chemischen Unwägbarkeiten längst verspielt sind, und weil man die Scans sowieso noch optimieren wird.

Autor: Andreas Beitinger
Letzte Änderung: Juni 2011

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