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Leitzahl, Wattsekunde oder Joule?

Warum es so kompliziert ist, die Stärke von Blitzgeräten zu vergleichen

Die Leitzahl ist das gebräuchlichste Vergleichsmaß für die Stärke von Blitzgeräten. Ein Blitzgerät mit höherer Leitzahl ist "stärker" als eines mit niedrigerer Leitzahl. Aber was bedeutet das wirklich?

Bei Studioblitzen finden sich eher Angaben in "Wattsekunden" oder "Joule". Wenn zusätzlich eine Leitzahl genannt wird, ist diese oft erstaunlich niedrig: Wenn schon ein kleiner Aufsteckblitz die Leitzahl 56 erreicht, wie kann es dann sein, dass ein großer Studioblitz nur z. B. Leitzahl 45 schafft?

Dieser Artikel will die Verwirrungen rund um die Leistungsangaben von Blitzgeräten auflösen und eine Vorstellung davon vermitteln, wie stark oder schwach die gängigen Blitzgeräte unter verschiedenen Bedingungen tatsächlich sind.

Definition der Leitzahl
Definition der Blitzenergie
Von Wattsekunden in Leitzahl umrechnen?
Zoomreflektor und Leitzahl
Leitzahl beim Indirekt-Blitzen und Blitzen mit Softbox
Vergleich zwischen Studioblitzen und Systemblitzen
Vergleich zwischen Dauerlicht und Blitzlicht

Definition der Leitzahl

Die Leitzahl geht zurück auf die Anfänge der Blitzgeräte, als es noch keinerlei Steuerung oder Automatik gab. Die Leitzahl diente dazu, zu einem bestimmten Blitzgerät die richtige Blende in Abhängigkeit von der Motivdistanz zu bestimmen.
Es gilt: Blende = Leitzahl : Entfernung
Beispiel: Wenn man 5 Meter vom Motiv entfernt ist und das Blitzgerät die Leitzahl 20 hat, muss man für korrekte Belichtung die Blende 4 einstellen. Natürlich "stimmt" diese Rechnung nur, wenn der Raum völlig dunkel ist, also wenn es außer dem Blitzlicht keine weiteren Lichtquellen gibt. Sobald man das vorhandene Licht mit einbezieht, wird die Rechnung wesentlich komplizierter, weil dann auch die an der Kamera eingestellte Belichtungszeit eine Rolle spielt.

Heutige automatisch gesteuerte Blitze können ihre Leistung fein dosieren; es wird nicht mehr die Blende nach der Blitzleistung geregelt, sondern die Blitzleistung nach der Blende.
Daher hat die Leitzahl ihre Bedeutung gewechselt und wird heute nur noch als Maximalangabe für das Blitzgerät genutzt - wohl wissend, dass man in den allermeisten Fällen nur eine Teilmenge davon abruft.
Man dreht die Rechnung dann um: Entfernung = Leitzahl : Blende
Wenn ein Blitz z. B. die Leitzahl 32 hat, dann kann man damit in einem dunklen Raum bei Blende 4 in maximal 8 Meter Entfernung eine korrekte Belichtung erzielen. Nutzt man für die Aufnahme auch vorhandenes Licht, benutzt man eine größere Blendenöffnung oder ist man näher am Motiv, stellt man die Blitzleistung entsprechend niedriger ein (bzw. lässt die Automatik dies erledigen). Die Leitzahl zeigt also nur noch das mögliche Maximum, nicht mehr (wie früher) den absoluten Wert.

Eine Leitzahl gilt immer für eine bestimmte ISO-Empfindlichkeit. Als Vergleichsgröße hat sich ISO100 etabliert, aber dies steht noch eigens daneben, um Missverständnisse auszuschließen. Es gibt ja einige DSLRs, deren ISO-Bereich erst bei 200 beginnt; da ist es schon wichtig zu wissen, ob sich die Leitzahlangabe des eingebauten Blitzes auf ISO100 oder 200 bezieht.

Will man die Leitzahl auf andere ISO-Werte umrechnen, gilt (genau wie bei der Blende) für jeden Lichtwert der Faktor √2, also ungefähr 1,41. Beispiel: Ein Blitzgerät, das bei ISO100 die Leitzahl 20 hat, hat bei ISO200 die Leitzahl 28, bei ISO400 die Leitzahl 40, bei ISO800 die Leitzahl 56 usw.
Wer im englischsprachigen Internet unterwegs ist, stößt manchmal auf Leitzahlen, die nicht auf Meter, sondern auf Fuß (feet, ft) bezogen sind. 1 Fuß sind 30,5 cm, oder 1 Meter sind 3,3 Fuß. Grob kann man sagen: Die Zahlen verdreifachen sich.

Definition der Blitzenergie

Wieviel Licht ein Blitzgerät mit einem einzigen Blitz abgeben kann, bemisst sich in seiner maximalen Blitzenergie. Energie misst man in der physikalischen Einheit Joule. Statt Joule kann man auch Wattsekunden sagen. Sind nur verschiedene Namen für dieselbe Einheit. (Wenn man 1 Sekunde lang eine Leistung von 1 Watt aufbringt, also 1 Watt mal 1 Sekunde, entspricht dies 1 Joule Energie.)
Ich werde auf dieser Seite meist den Begriff Joule verwenden, könnte aber genauso gut Wattsekunde schreiben. Die Joule-Angaben von Studioblitzgeräten sind Brutto-Angaben, bezeichnen also die verbrauchte elektrische Energie. Wieviel Lichtenergie dabei rauskommt, hängt vom Wirkungsgrad einer Blitzröhre ab. Ähnlich wie bei Glühlampen, geht auch in Blitzröhren der größte Teil der Energie als Wärme verloren. Das muss uns aber nicht kümmern, da die Wirkungsgrade von Blitzgeräten ähnlich sind, und man durchaus die angegebenen Blitzenergien auch zwischen verschiedenen Herstellern vergleichen kann - genauso wie man die Helligkeit einer Philips-Glühbirne mit der einer Osram-Glühbirne vergleichen kann, ohne zu wissen, wie hoch der Wirkungsgrad von Glühbirnen ist.

Die Blitzenergie ist ein lineares Maß, ähnlich wie die ISO-Empfindlichkeit. Lichtwerte werden also durch Verdoppelung oder Halbierung erreicht. Wenn z. B. ein Blitz mit 50 Joule bei Blende 5,6 die richtige Belichtung ergab, benötigt man 100 Joule Blitzenergie für Blende 8 oder 200 Joule Blitzenergie für Blende 11.

Von Wattsekunden in Leitzahl umrechnen?

Die Leitzahl ist ein Maß für die Beleuchtungsstärke, die auf das Motiv fällt. Die Blitzenergie ist ein Maß für die Lichtmenge, die das Blitzgerät insgesamt abgibt. Aufgrund der völlig unterschiedlichen Definition gibt es keine allgemeingültige Umrechnung von Leitzahl zu Blitzenergie und umgekehrt.

Die Leitzahl ist das, was sich ergibt, wenn eine bestimmte Blitzenergie von einem bestimmten Reflektor gebündelt aufs Motiv abgefeuert wird. Solange man nicht exakt die Streuungseigenschaften des verwendeten Reflektors kennt, kann man diesen Zusammenhang nicht mathematisch erfassen.

Für Systemblitze (Aufsteck-und Stabblitzgeräte) lassen sich sinnvolle Leitzahlen angeben, die jedoch nur gelten, solange direkt geblitzt wird. Da Studioblitze fast immer mit Lichtformern (Softboxen, Schirme etc.) verwendet werden, sind hierfür angegebenen Leitzahlen nutzlos.

Aus einem Leitzahlen-Vergleich von Aufsteckblitzen und Studioblitzen kann man aufgrund der unterschiedlich gebauten Reflektoren keinerlei Rückschluss auf deren Leistungsunterschiede ziehen. Allgemein vergleichbar ist nur die Blitzenergie.

Zoomreflektor und Leitzahl

Systemblitzgeräte leuchten nicht wild in der Gegend herum, sondern konzentrieren ihr Licht auf eine "Licht-Pyramide", die dem von der Kamera aufgenommenen Bildwinkel entspricht (natürlich nur so ungefähr, und bei jedem Hersteller etwas anders). Wird eine längere Brennweite benutzt, wird das Licht durch den Zoom-Reflektor stärker gebündelt. Wird eine kurze Brennweite genutzt, wird stärker gestreut. Für einen engeren Leuchtwinkel ergibt sich dann eine höhere Leitzahl - obwohl immer noch dieselbe Blitzenergie zur Verfügung steht.

Hier als Beispiel die Leitzahl-Tabelle für einen Nikon SB600 Systemblitz - bezogen auf ISO100. Diese Tabelle findet sich in der Bedienungsanleitung:

Mit Vorsatzscheibe
für 14 mm
Zoomposition
für 24 mm
Zoomposition
für 28 mm
Zoomposition
für 35 mm
Zoomposition
für 50 mm
Zoomposition
für 70 mm
Zoomposition
für 85 mm
14 26 28 30 36 38 40

Nikon gibt auf der Homepage und im Prospekt ganz bescheiden die Leitzahl 30 bei Reflektorstellung für 35 mm an. Canon hingegen gibt für das etwa gleich teure Speedlite 430 EX eine Leitzahl von 43 an. Erst das Handbuch enthüllt, dass die Leitzahl 43 sich auf die 105-mm-Zoomreflektorposition bezieht - und damit mit der Angabe von Nikon nicht direkt vergleichbar ist. Im Handbuch des 430 EX findet sich eine ähnliche Leitzahl-Tabelle wie bei Nikon, und die sieht so aus:

- Zoomposition
für 24 mm
Zoomposition
für 28 mm
Zoomposition
für 35 mm
Zoomposition
für 50 mm
Zoomposition
für 70 mm
Zoomposition
für 105 mm
- 23 25 31 34 37 43

Der Nikon SB600 hat keine so enge Zoom-Einstellung und erreicht daher auch keine so werbewirksam hohe Maximal-Leitzahl wie der Canon 430 EX. Die Werte unterhalb der 105-mm-Position liegen jedoch in vergleichbarer Größenordnung wie beim Nikon. Man darf davon ausgehen, dass der Nikon SB600 und der Canon 430 EX in etwa dieselbe Blitzenergie abgeben. Einen Leitzahl-Vorteil hat der Canon-Blitz nur dann, wenn man direkt blitzt und mindestens eine Brennweite von 105 mm verwendet.

Leitzahl beim Indirekt-Blitzen und Blitzen mit Softbox

Beim indirekten Blitzen läuft ungefähr Folgendes ab: Das Blitzgerät projiziert einen Lichtfleck an die mattweiße Decke oder Wand. Der Lichtfleck streut Licht in alle Richtungen zurück, so dass sich die Charakteristik einer Flächenleuchte ergibt. Je nach Stellung des Zoomreflektors wird der Lichtfleck an der Decke größer oder kleiner; auch die Höhe der Decke und die Höhe des Blitzgerätes (bzw. Größe des Fotografen) haben Einfluss auf die Lichtfleckgröße. Je größer der Lichtfleck ist, umso weicher wird das Licht. Je kleiner der Lichtfleck ist, umso härter wird das Licht. Die Gesamtmenge des remittierten Lichts bleibt aber dieselbe, egal ob der Fleck größer oder kleiner ist. Ob ein Blitzgerät in einem bestimmten Raum für eine bestimmte Blende genug Licht liefern kann, ist also von der Stellung des Zoomreflektors nicht direkt abhängig; dasselbe Blitzgerät liefert immer die gleiche maximale Indirektbeleuchtung, egal wie der Zoomreflektor steht und welche Leitzahl die Tabelle dafür nennt. Eine erhöhte Leitzahl, die durch einen engeren Zoomwinkel zustande kommt, bringt beim Indirektblitzen überhaupt nichts: Die Charakteristik des Lichts wird härter, aber es wird insgesamt nicht heller.

Wieviel von dem Licht tatsächlich am Motiv ankommt, ist eine andere Frage. Es kann in der Praxis z. B. passieren, dass das Licht so weit über die Decke gestreut wird, dass ein Teil davon hinter dem Motiv liegt und somit gar nicht mehr fürs Bild nutzbar ist. Weiterhin ist zu beachten, dass die Berechnungsbasis beim indirekten Blitz nicht mehr die Entfernung Kamera-Motiv ist, sondern die Entfernung Lichtfleck-Motiv. Bei weit gestreuten Lichtflecken, die Licht gleichzeitig aus sehr unterschiedlichen Richtungen und aus unterschiedlichen Entfernungen aufs Motiv abgeben, wird es dann völlig unmöglich, eine Leitzahl zu bestimmen. Nach der Theorie funktioniert die Leitzahl-Rechnung nur für eine "punktförmige" Lichtquelle - und diese Definition trifft auf große Lichtflecke nicht einmal näherungsweise zu.

In alten Fotobüchern finden sich noch Faustformeln, um welchen Wert sich die Leitzahl beim Indirektblitzen ändern soll. Diese Formeln wurden zu einer Zeit aufgestellt, als Blitzgeräte noch keine Zoomreflektoren hatten, sondern feste Reflektoren für meist 35 mm Brennweite. Damit ließ die Leitzahl zumindest einen groben Rückschluss auf die Blitzenergie zu, weshalb solche Faustformeln dann als grobe Näherung funktionierten. Heute sind sie unbrauchbar.

Beim indirekten Blitzen zählt die Blitzenergie, die insgesamt abgegeben wird; auf welche Fläche das Licht mit Hilfe unterschiedlicher Zoomreflektor-Einstellungen verteilt wird, hat auf die Helligkeit keinen direkten Einfluss.

Ähnlich verhält es sich, wenn man einen streuuenden Vorsatz vor den Blitz montiert, z. B. eine Softbox. Zwar kommt dann das Licht noch aus Richtung der Kamera, aber die diffuse Frontscheibe der Softbox streut den Blitz ebenfalls in alle möglichen Richtungen und kümmert sich - im Hinblick auf die erzielbare Helligkeit - nicht darum, ob der Zoomreflektor dabei auf 35 oder 70 mm steht. Auch hier zählt nur die insgesamt abgegebene Blitzenergie.
Für ein Aufsteck-Blitzgerät mit Diffusor oder kleiner Softbox könnte man eine fixe Leitzahl angeben. Eine solche Leitzahl muss jedoch stets experimentell ermittelt werden; die Faustformeln, die manche Hersteller von Softboxen nennen, sind genauso nutzlos wie die Faustformeln fürs Indirektblitzen.
Mit größeren Softboxen und/oder bei kurzem Beleuchtungsabstand funktioniert das Rechnen mit einer Leitzahl gar nicht mehr, weil die Lichtquelle dann nicht mehr als "annähernd punktförmig" gesehen werden kann; ist dasselbe Problem wie beim Indirektblitzen mit weit gestreutem Lichtfleck.

Die mangelnde Vergleichbarkeit der Leitzahlen zeigt sich sehr schön anhand zweier aktueller Blitzgeräte, von denen einer einen Zoomreflektor hat, während der andere mit einer starren Reflektorposition für 35 mm auskommen muss: die beiden Metz Stabblitze 76 MZ-5 digital (ca. 530 Euro) und 45 CL-4 digital (ca. 370 Euro). Der erste wird mit Leitzahl 76 beworben, der andere mit Leitzahl 45 - und diese maximalen Leitzahlen finden sich sogar in den Typenbezeichnungen. Tatsächlich erreichen beide Geräte ungefähr dieselbe Blitzenergie und damit beim Indirektblitzen oder Blitzen mit Softbox dieselbe Lichtausbeute. So sehr können Leitzahlen täuschen.
Natürlich rechtfertigt die bessere Ausstattung des 76ers den höheren Preis; beim direkten Blitzen ist der Zoomreflektor auf jeden Fall vorteilhaft, und selbst beim Indirektblitzen hat man damit noch eine Steuermöglichkeit für die Härte des Lichts. Aber wer hofft, mit dem 76er auch beim Indirektblitzen mehr Licht zur Verfügung zu haben, wird enttäuscht.

Vor dem Leitzahl-Dilemma stehen auch die Hersteller von Studioblitzanlagen: Sie können zwar eine Leitzahl für ihren nackten Blitz mit Normalreflektor angeben, aber in 99 % aller Fälle benutzt man einen Studioblitz mit irgendwelchen Lichtformern davor - was diese Leitzahl schon wieder unbrauchbar macht. Da Studioblitze nicht aufs Ausleuchten eines vordefinierten Bildausschnittes hin gebaut sind, besitzt ihr Normalreflektor eine recht weite, runde Ausleuchtungszone. Das führt im Vergleich zu den Herstellerangaben mancher Systemblitze zu erstaunlich niedrigen Leitzahlen, doch fürs Blitzen mit Schirm oder Softbox spielt das überhaupt keine Rolle.

Sobald man nicht mehr direkt blitzt, ist die Leitzahl-Angabe des nackten Blitzes wertlos. Da bei Studioblitzen die Verwendung von Lichtformern der Normalfall ist, ist hier ein allgemeingültiger Vergleich nur über die Blitzenergie gegeben. Das ist der Grund, warum man die Stärke von Studioblitzen standardmäßig in Joule bzw. Wattsekunden nennt. Man kann sich dann darauf verlassen, dass zwei Blitze, die dieselbe Blitzenergie liefern, mit demselben Lichtformer auch dieselbe Helligkeit erzielen.

Vergleich zwischen Studioblitzen und Systemblitzen

Wer verschiedene Systemblitze vergleicht, kann Leitzahlen vergleichen - aber bitte bereinigt von Einflüssen des Zoomreflektors. Es gilt also, Werte bei identischer Reflektorstellung gegenüberzustellen, sofern diese Werte anhand einer Tabelle verfügbar sind. Wer z. B. den genannten Metz 45 CL-4 digital mit einem Canon Speedlite 430 EX vergleichen will, kann die Leitzahlen in der 35-mm-Einstellung vergleichen: 31 beim Canon und 45 beim Metz. Das entspricht gemäß der oben erläuterten Rechenweise ungefähr 1 Lichtwert, also einer Verdoppelung der Blitzenergie. (Dieser Vergleich ist nur eine Näherung, da der tatsächliche Ausleuchtwinkel der Geräte trotz nominell gleicher Zoom-Einstellung abweichen kann. Jeder Hersteller baut seine Reflektoren etwas anders.)

Wer seinen Aufsteck- oder Stabblitz auch mit Lichtformern nutzen will, möchte wissen, wie stark diese Geräte im Vergleich zu gängigen Studioblitzen sind. Da die Leitzahl für solche Vergleiche nicht taugt, helfen nur Blitzenergie-Angaben zu den Systemblitzen.
Weil die Hersteller solche Angaben nicht liefern, habe ich einige Werte aus Internetforen (gemessen von Anwendern) besorgt und Werte für ein paar weitere Geräte hochgerechnet. Solche Hochrechnungen unterliegen natürlich einer Toleranz; ich übernehme keine Garantie für die absolute Richtigkeit. Die genannten Blitzenergie-Werte sollten nur als Anhaltspunkte dienen, um abschätzen zu können, wie gut oder schlecht sich die Geräte als Ersatz für Studioblitze eignen:

Nikon SB 400 ca. 28 Joule
Canon Speedlite 430 EX ca. 40 Joule
Nikon SB 600 ca. 40 Joule
Sigma EF-500 DG ST/Super ca. 50 Joule
Canon Speedlite 550 EX ca. 56 Joule
Nikon SB 800 / SB 900 ca. 64 Joule
Canon Speedlite 580 EX ca. 64 Joule
Metz 45-CT4, 45-CL1, 76-MZ5 ca. 90 Joule
Metz 60-CT4 ca. 160 Joule

Auf den ersten Blick sehen diese Unterschiede dramatischer aus als sie tatsächlich sind. Eine Verdoppelung entspricht ja gerade 1 Lichtwert. Ob man nun 40, 50 oder 60 Joule zur Verfügung hat, ist schon fast zu vernachlässigen. Als Faustregel kann man sich merken: Gute Aufsteckblitze/Systemblitze bringen eine Blitzenergie um die 50 Joule.

Billige Studioblitze beginnen bei 100 Joule, aber auch solche mit 160 bis 300 Joule liegen preislich noch unter guten Systemblitzen. Studioblitze lassen sich auch leichter mit Lichtformern ausstatten, weil sie von vornherein dafür ausgelegt sind. Dafür brauchen die meisten Studioblitze eine 230-Volt-Steckdose, sind größer und schwerer als Aufsteckblitze und besitzen keinerlei TTL-Automatik. Aber die Abwägung für und wider Studio- und Systemblitz hinsichtlich praktischer Handhabung ist ein anderes Thema; hier auf dieser Seite geht es in erster Linie um die Lichtausbeute.

Vergleich zwischen Dauerlicht und Blitzlicht

Im Studio kann man mit Dauerlicht (z. B. Halogleuchten, Leuchtstoffröhren oder HMI-Leuchten) oder mit Blitzlicht arbeiten. Beides hat Vor- und Nachteile. Was sich allerdings nicht beantworten lässt, ist die Frage nach einem Umrechnungsfaktor. Man kann nicht einfach sagen, wieviel Watt Halogenlicht man braucht, um z. B. 100 Joule Blitzenergie zu ersetzen.

Blitzlicht wird fast immer nach dem Prinzip der X-Synchronisation gesteuert: Der Verschluss der Kamera öffnet sich, der Blitz wird innerhalb der Verschlussöffnungszeit abgefeuert, der Verschluss der Kamera schließt sich. (Einzige Ausnahme ist die Highspeed-Synchronisation mancher Systemblitze, die vom Prinzip her eher ein kurzes Dauerlicht als ein Blitzlicht ist.)
Bei X-Synchronisation spielt die Belichtungszeit der Kamera keine Rolle für die Blitzbelichtung; sie muss nur lang genug sein, um die Blitz-Leuchtdauer nicht zu beschneiden.
Der Anteil des anderweitig vorhandenen Lichtes hängt zwar von der Belichtungszeit der Kamera ab, aber zumindest unter Studiobedingungen (60 bis 150 Watt Einstelllicht pro Blitz) kann man dessen Einfluss vernachlässigen.

Der unterschiedliche Belichtungsablauf von Blitz- und Dauerlicht-Arbeitsweise macht den Vergleich so schwer. Wenn zum Einfrieren von Bewegung kurze Belichtungszeiten gebraucht werden, sind Blitze mit ihrer relativ kurzen Leuchtdauer von Vorteil. Dafür ist die nutzbare Helligkeit des Blitzes am Ende, sobald der Blendenspielraum ausgeschöpft ist. Bei der Arbeit mit Dauerlicht könnte man durch längere Belichtung den Spielraum fast endlos erweitern; beim Blitz ist die effektive Belichtungszeit (die Blitzleuchtdauer) fest vorgegeben und nicht erweiterbar.

An einem simplen Beispiel, das ich mit meinem Studioblitz (Blitzröhre gegen Einstellicht) ermittelt habe, lässt sich das Verhältnis verdeutlichen: Um auf die Belichtung des 200-Joule-Blitzes zu kommen, muss man mit der 60-Watt-Halogenlampe 10 Sekunden lang belichten. Das wäre 1 Sekunde mit 600 Watt, 1/10 Sekunde mit 6.000 Watt oder 1/100 Sekunde mit 60.000 Watt.

Klingt unglaublich? Ist aber so. Die Tatsache, dass man für eine einzige Blendenstufe Änderung die Lichtmenge immer verdoppeln oder halbieren muss, ist Segen und Fluch zugleich. Der Segen besteht darin, dass man bereits durch Öffnen der Blende oder Erhöhung der ISO-Empfindlichkeit um 1 bis 2 Stufen einen erheblichen Mehraufwand an Licht vermeiden kann. Der Fluch ist, dass in Grenzsituationen, also wenn kein Weg an mehr Licht vorbei führt, der Aufwand gleich exponential steigt.

Der entscheidende Punkt ist die Belichtungszeit: Eine Person sollte zur Vermeidung von Verwacklung mit mindestens 1/100 Sekunde Belichtungszeit fotografiert werden; bei schnellerer Bewegung (z. B. Turner in Aktion) auch noch wesentlich kürzer. Mit Studioblitz ist das kein Problem, weil die Leuchtzeiten der meisten Blitze hierfür kurz genug sind. Um mit Dauerlicht auf 1/100 Sekunde Belichtungszeit zu kommen, bedarf es hingegen schon eines gewaltigen Lichtaufkommens, großer Blendenöffnung und/oder hoher ISO-Empfindlichkeit.

Beispiel aus der Praxis: Wenn ich eine Portraitaufnahme mit Studioblitz mache und dabei einen weißen Durchlichtschirm als Lichtformer nutze, komme ich in 2 Meter Distanz bei ISO100 und 100 Joule Blitzenergie auf Blende 8.
Wollte ich Vergleichbares mit Halogenleuchten realisieren, und wollte ich mindestens 1/100 Sekunde Belichtungszeit erreichen, müsste ich gemäß meiner Messung satte 30.000 Watt auffahren - was natürlich nicht machbar ist.

Hier kommt der zitierte Segen-Fluch-Effekt zum Tragen: Für jeden Lichtwert, den ich anderswo gewinne, kann ich den Bedarf an Halogenlicht halbieren. In der Praxis würde ich zunächst die Belichtungszeit auf 1/50 Sekunde verdoppeln (+1 LW) und hoffen, dass der Portraitierte dafür still genug sitzt. Dann würde ich das Objektiv bei Blende 2,8 statt 8 benutzen (+3 LW). Schließlich könnte man noch die Empfindlichkeit auf ISO 400 hochschrauben, was an allen DSLRs qualitativ vertretbar ist (+2 LW). Alles in allem gewinnt man durch diese Maßnahmen 6 Lichtwerte, was den Lichtbedarf um den Faktor 26 (=64) reduziert auf ca. 500 Watt - also das, was man mit einem handelsüblichen Baustrahler oder einer 500-W-Fotolampe erreicht. (Etwa dieselbe Helligkeit bekommt man übrigens mit 100 Watt an Leuchtstoffröhren.)

Dass ein Portrait bei 1/50 Sekunde Belichtungszeit, ISO 400 und Blende 2,8 nicht dieselbe technische Qualität erreicht wie eines bei kurzer Blitzbelichtung, ISO 100 und Blende 8, dürfte klar sein. Machbar ist beides, und technische Qualität muss nicht der wichtigste Aspekt sein. Allerdings ist die Baustrahler-Variante damit hart an der Grenze, während der Blitz noch genug Spielraum (Blende, ISO) für größeren Lichtbedarf hat.

Beim Fotografieren unbewegter Objekte sieht die Sache anders aus. Wenn man keine bestimmte Belichtungszeit einhalten muss, kann man theoretisch ein beliebig großes Lichtaufkommen mit einer beliebig schwachen Lichtquelle erzielen. (Selbst draußen in einer Neumondnacht, wo man mit bloßem Auge so gut wie nichts mehr sieht, kann man durch minutenlange Belichtung Fotos machen, die weitgehend aussehen wie am Tag.) Angenommen, ich möchte ein Produktfoto machen und brauche dazu die Schärfentiefe von Blende 22: Mit einem kleinen Studioblitz und aufwendigem Lichtformer könnte das knapp werden - jedenfalls dann, wenn ich aus Qualitätsgründen auf ISO 100 bleiben will. Genau hier kann das Dauerlicht seine Vorteile ausspielen: Ich setze die Kamera aufs Stativ und belichte so lang, wie es eben nötig ist. Die Lichtquelle muss noch nicht einmal besonders stark sein.

Autor: Andreas Beitinger
Letzte Änderung: März 2009