Praxisvergleich Nikon D70 gegen D200

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Spiegelschlag-Vergleich

Ich habe dem Phänomen Spiegelschlag deshalb eine so umfangreiche Übersicht gewidmet, weil die fehlende Spiegelvorauslösung stets ein Kritikpunkt an der D70(s) war. Außerdem gab es nach Vorstellung der D80 lange Gesichter, als dort lediglich die 0,4-Sekunden-Vorauslösung eingebaut war und nicht die echte Spiegelvorauslösung, bei der man Spiegel und Auslöser komplett getrennt bedienen kann. Daneben gibt es immer noch Leute, die die Notwendigkeit einer Spiegelvorauslösung generell in Zweifel ziehen. Anlaß genug, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Testablauf Beschreibung
Aussagekräftige Einzelergebnisse
Tabellarische Übersicht der Bildausschnitte
Details zu Testablauf und Fehlern
Auswertung
Fazit

Der Testablauf ist ungefähr dieser: Beide Kameras werden mit demselben Objektiv und derselben Blendenvoreinstellung auf ein feingliedriges Testmotiv ausgerichtet. Die Kamera steht auf Zeitautomatik, und die Helligkeit der Beleuchtung wird schrittweise so geändert, daß sich eine Belichtungszeiten-Reihe ergibt. So kann man genau sehen, in welchem Zeitenbereich Spiegelschlag-Verwacklungen auftreten können.
Testobjektiv war das Nikon 70-300G bei 300 mm und Blende 11. Die getesteten Stative waren das Manfrotto 055 Triminor mit dem 352 RC Kugelkopf sowie ein dünnbeiniges NoName-Stativ mit Alu-Kugelkopf, das komplett nur 600 Gramm wiegt. Hier kann man also die Schärfeunterschiede zwischen einem soliden Mittelklasse-Stativ und einem wackeligen, unterdimensionierten Billigstativ vergleichen. Das ist nicht völlig praxisfremd: Wenn man auf geringes Transportgewicht achtet, könnte man auf Reisen ein leichtes Reisestativ verwenden und dessen Schwingungen ggfs. durch eine längere Spiegel-Vorlaufzeit ausgleichen.
An der D200 wurde der Ablauf mit den drei möglichen Einstellungen durchgeführt: Ohne Spiegelvorauslösung, mit 0,4 Sekunden Spiegelvorauslösung und mit mehrsekündiger Spiegelvorauslösung. Die D70 hat keine SVA, somit war der Ablauf hier einfacher.
Die Bilder der D70 wurden zum besseren Vergleich auf 10MP hochgerechnet. Schärfeunterschiede, die auch noch bei 1/2,5 Sekunde sichtbar sind, gehen also auf die unterschiedliche Sensorauflösung zurück und nicht auf den Spiegelschlag.

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Da die weiter unten folgende Tabelle extrem viele ähnliche Einzelbilder enthält und dadurch etwas unübersichtlich geraten ist, hier zunächst eine direkte Gegenüberstellung aussagekräftiger Einzelergebnisse:

D200 auf Manfrotto-Stativ
ohne SVA:
D200 auf Manfrotto-Stativ
mit SVA:

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D70 auf Manfrotto-Stativ:

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D200 auf Billig-Stativ
ohne SVA:
D200 auf Billig-Stativ
mit 0,4 Sekunden SVA:
D200 auf Billig-Stativ
mit 10 Sekunden SVA:

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Und hier die vollständige Tabelle:

D200
Manfrotto-Stativ
keine Spiegelvorauslösung
D200
Manfrotto-Stativ
0,4 sec. Spiegelvorauslösung
D200
Manfrotto-Stativ
ca. 5 sec. Spiegelvorauslösung
D200
Billigstativ
keine Spiegelvorauslösung
D200
Billigstativ
0,4 sec. Spiegelvorauslösung
D200
Billigstativ
ca. 10 sec. Spiegelvorauslösung
D70
Manfrotto-Stativ
keine Spiegelvorauslösung
D70
Billigstativ
keine Spiegelvorauslösung

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Details zu Testablauf und Fehlern
Der Grund, warum die Durchführung der Testreihe so aufwendig war, liegt im Lichtproblem: Um die Schärfe vergleichen zu können, muß man immer dieselbe Blende benutzen, also muß zur Erzielung verschiedener Belichtungszeiten das Licht variiert werden. Ein Dimmer erfüllt den Zweck jedoch nicht so gut, da er neben der Helligkeit auch die Farbtemperatur beeinflußt, was die Bildschärfe trotz anschließender SW-Umwandlung etwas verändert und somit den Vergleich erschwert.
Die einzige Möglichkeit war schließlich ein Variieren des Lampenabstandes. Für die langen Belichtungszeiten zwischen 1/2 und 1/1 Sekunde mußte ich zusätzlich mit Graufilter arbeiten, weil mein Raum nicht groß genug für den nötigen Abstand war.
Es ergab sich also eine umfangreiche Reihe mit zwei Kameras, eine davon in drei verschiedenen Einstellungen, und beides noch auf zweierlei Stativen. Mit den notwendigen Lampenabstand-Änderungen verschlingt das schon einige Zeit.
Auch die Nachbearbeitung war nicht überall ganz einfach. Während die Bilder vom Manfrotto-Stativ einen sehr konstanten Stand hatten (so daß ich mit IrfanView immer denselben Ausschnitt wählen konnte), mußte ich den Ausschnitt der Bilder vom Billigstativ auf jedem Exemplar einzeln festlegen; dieses Stativ ist so wackelig, daß die kleinste Berührung (z. B. Einschalten der SVA) bereits den Bildausschnitt verändert.

Trotz großer Sorgfalt sind mir beim Testablauf ein paar kleine Fehler unterlaufen, die ich nachher nicht mehr ändern konnte. So scheint sich die Fokussierung zwischenzeitlich geändert zu haben, da nämlich einige der 5-Sekunden-SVA-Bilder scheinbar weniger scharf als die entsprechenden 0,4-Sekunden-SVA-Bilder aussehen, was überhaupt keinen Sinn ergibt. Außerdem hat sich erst später anhand der EXIFs gezeigt, daß die D200 in Zeitautomatik genauer als 1/3 Blendenstufen belichtet, obwohl sie das im Moment der Aufnahme nicht anzeigt. So ist zu erklären, daß z. B. statt 1/100 Sekunde machmal 1/90 Sekunde belichtet wurde, also eine weitere Zwischenstufe zwischen 1/100 und 1/80. Die D70 macht das nicht.
Für solche ablaufbedingte Abweichungen und die Lücken bitte ich also um Verständnis. Der Testablauf ist so arbeitsaufwendig, daß ich nicht bereit war, ihn deswegen zu wiederholen. Trotz der kleinen Fehler dürften die Ergebnisse nützlich sein.
Um Verständnis bitte ich auch dafür, daß ich die zusätzlichen Tests auf dem Billigstativ nur mehr in ganzen Blendenstufen durchgeführt habe.

Auswertung: Zunächst gilt es festzustellen, in welchem Zeitenbereich mit den hier verwendeten Kamera-Objektiv-Stativ-Kombinationen überhaupt Spiegelverwacklungen auftreten, solange man keine SVA aktiviert. Bei der D70 auf dem Manfrotto-Stativ sind dies grob die Zeiten zwischen 1/200 und 1/2 Sekunde, bei der D200 ungefähr 1/125 bis 1/8 (auf insgesamt niedrigerem Niveau als die D70). Der Wackel-Höhepunkt liegt jeweils bei ca. 1/50 Sekunde.
Mit der D70 sollten mangels SVA kritische Zeiten ganz gemieden werden, jedenfalls bei Verwendung langer Brennweiten. Möglich wäre das durch Verwendung eines starken Graufilters (z. B. 64x), der die Belichtungszeit auf 1 Sekunde oder mehr verlängert.
An der D200 werden bereits durch die 0,4-sec-SVA sämtliche sichtbare Wackler eliminiert; ein Verlängern der SVA auf 5 Sekunden bringt keinen Vorteil. Den Einwand mancher Kritiker, 0,4 Sekunden seien als SVA wertlos, hat die D200 eindrucksvoll widerlegt.
Anders sieht es aus, wenn das Billigstativ zum Einsatz kommt. Zwar beseitigt auch hier die 0,4-sec-SVA bereits den größten Teil der Verwacklung, aber erst eine weitere Verlängerung der Vorlaufzeit beruhigt das Bild vollständig.
Der Einsatz der D70 auf dem Billigstativ ist gar nicht zu empfehlen; selbst bei 1/2 Sekunde Belichtungszeit ist das Bild noch deutlich verwackelt.

Leider wird auch dieser Vergleich nicht alle Fragen in Bezug auf die D80 klären können, weil sich die D200 bereits ohne Spiegelvorauslösung gutmütiger verhält als die D70, was wohl mit dem Metallgehäuse und der anderen Mechanik zu tun hat. Ob auch an der D80 die 0,4 Sekunden Vorauslösung in Verbindung mit einem stabilen Stativ alle Wackler komplett beseitigen, müßte noch getestet werden. Daß die 0,4 Sekunden mindestens eine erhebliche Verbesserung bewirken, steht jedoch außer Frage.

Fazit: Es gibt definitiv Situationen, in denen Spiegelverwacklung auftritt und daher die D200 mit ihrer Spiegelvorauslösung gegenüber der D70 im Vorteil ist.
Unter kritischen Bedingungen sorgt die 0,4-Sekunden-SVA der D200 für perfekte Bildschärfe, aber auch schon ohne SVA wackelt die D200 auf demselben Stativ weniger als die D70.
Eine längere Vorlaufzeit als 0,4 Sekunden ist erst in Verbindung mit wackeligen bzw. stark schwingenden Stativen ein sichtbarer Vorteil.

Andreas Beitinger
2006