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Geht es auch ohne eigenes Farbmessgerät?

Farbmessgeräte kosten Geld. Da taucht natürlich die Frage auf, ob sie nicht doch irgendwie entbehrlich sind.

Wer Fotos am Computer bearbeitet, will sicherstellen, dass er dabei die korrekte Helligkeitsverteilung und die korrekten Farbsättigungen sieht. Es ist wichtig, wahrzunehmen, wann Details in dunklen Bildbereichen noch erkennbar sind, und wann sie langsam im Schwarz versinken. Es ist genauso wichtig, Farbstiche als solche identifizieren zu können und zuverlässig zu erkennen, wie sich bestimmte Kontrastkorrekturen auswirken.

Keine "manuelle Kalibrierung" der Monitorfarben nach Testbildern kann eine Anpassung von Farbräumen erübrigen. An der Benutzung von Farbmanagement führt für ernsthafte Bildbearbeitung daher kein Weg vorbei - und eine der Voraussetzungen für die Nutzung von Farbmanagement ist nun mal das Vorhandensein eines passenden Monitorprofils. Diskutieren kann man allenfalls darüber, welche Ansprüche an die Präzision des Profils man stellt.

Abgleich nach Testfotos

Egal, wie oft es schon irgendwo empfohlen wurde: Ein Musterfoto neben den Monitor zu halten und dann irgendwie einen visuellen Abgleich zu suchen, ist aus mehreren Gründen kompletter Blödsinn. Man muss es leider so deutlich sagen.

Profil eines typgleichen Monitors

Solange Sie nur sehr begrenzte Ansprüche an die Genauigkeit haben, können Sie ein Profil verwenden, das nicht speziell an Ihrem Monitor gemessen wurde, sondern lediglich an einem anderen Monitor desselben Typs. Wenn Sie einen guten Markenmonitor benutzen, dürfen Sie davon ausgehen, dass die Serienstreuung sich anfangs in erträglichen Grenzen hält. Viele Monitorhersteller bieten sogar auf ihren Internetseiten Profile für ihre Monitore zum Download.

Besser als ein laienhaftes "Kalibrieren nach Sicht" ist die Verwendung eines ungefähren Profils allemal.

Allerdings gibt es oft kleine Abweichungen (bedingt durch Serienstreuung oder Alterung), die man auf den ersten Blick noch gar nicht bemerkt, die aber dann z. B. zu einer falschen Hauttonwiedergabe oder einem nicht ganz neutralen Mittelgrau führen können.

Farbmessgerät ausleihen

Wenn man die Lizenzfragen klären kann, ist das gelegentliche Ausleihen eines Colorimeters eine praktikable Lösung.

Manche Experten meinen, man müsse aufgrund der Alterung des Monitors mindestens monatlich die Kalibrierung und Profilierung neu durchführen. Andere finden das übertrieben, und es ist auch eine Frage der Technik: Die LED-Beleuchtungen moderner Flachbildschirme altern nicht mehr so stark wie die CCFL-Beleuchtungen älterer Modelle oder die Farbstoffe von Röhrenmonitoren; daher kann man die Intervalle bei LED-Monitoren ruhig deutlich länger machen.

Naheliegend wäre dann die Idee, ein Farbmessgerät nur gelegentlich (z. B. einmal halbjährlich) auszuleihen - oder ein Gerät zusammen mit Freunden anzuschaffen und herumzureichen.
Das scheitert zunächst an den Lizenzbedingungen der mitgelieferten Software, die einen Verleih und das Teilen nicht gestatten. Ein juristischer Ausweg ist die Verwendung der kostenlosen Software DispcalGUI bzw. ArgyllCMS (siehe Anleitung hier). Allerdings hilft es nur in den Fällen, wo man komplett ohne Treiber und Korrekturdaten des Colorimeter-Herstellers auskommt. Für viele Colorimeter braucht man mindestens eines von beiden - und das setzt voraus, dass man Gerät und Software selber gekauft hat.
Es kommen für das Teilen oder Verleihen also nur Colorimeter in Frage, für die ArgyllCMS eigene Treiber mitbringt. Und auf feinere Korrekturdaten für bestimmte Monitortypen muss man ggfs. verzichten und stattdessen die generischen Korrekturen benutzen.

Gebrauchtes Messgerät kaufen

Ein Colorimeter kann man sich gebraucht kaufen und damit etwas Geld sparen. Dabei ist allerdings große Vorsicht geboten, denn Colorimeter unterliegen der Alterung; sie altern nicht so schnell wie Monitore, aber je nach Art der verbauten Farbfilter verlieren sie früher oder später an Genauigkeit.
Teure Profi-Colorimeter kann man beim Hersteller aufwendig überprüfen und korrigieren lassen, aber für die gängigen Geräte der Preisklasse unter 250 Euro rechnet sich das nicht. Tests haben übrigens gezeigt: Auch die vielgelobten "anorganischen" Filter können messbar altern.

Beim Gebrauchtkauf weiß man nie, wie der Vorbesitzer das Gerät behandelt hat: Wurde es in einer dunklen Schachtel aufbewahrt, kann es zwei Jahre später noch in gutem Zustand sein. Stand es hingegen offen im Raum und war jahrelang dem Tageslicht ausgesetzt, dürften seine Farbfilter schon stark verändert sein. Macht der Verkäufer keine Angaben über das Alter des Colorimeters, sollte man generell die Finger davon lassen.

Auf keinen Fall kaufen sollte man ältere Gerätemodelle wie Spyder 2; selbst deren Hersteller rät davon ab, diese Geräte heute noch zu verwenden. Bedenkenlos gebraucht kaufen kann man aktuelle Geräte, die erst wenige Wochen alt sind (häufig von "Sparfüchsen" angeboten, die nur einmal ihren Monitor vermessen haben und nun glauben, das Gerät nicht mehr zu brauchen).

Übrigens darf der Vorbesitzer des Gerätes die mitgelieferte Software nicht mehr nutzen, sobald er das Komplettpaket weiterverkauft hat. Das mit der Software erstellte ICC-Profil samt Kalibrierungsdaten darf zwar in der Regel noch weiterverwendet werden, aber die mit dem Colorimeter gelieferte Loader-Software muss deinstalliert und durch freie Software oder eine entsprechende Funktion des Betriebssystems ersetzt werden. (Wie das mit Windows funktioniert, können Sie hier nachlesen.)

Neues Messgerät kaufen

Auf Nummer sicher geht man mit dem Kauf eines neuen Paketes (Messgerät und Software). Neben den Kosten für Kameras, Objektive und Computer-Hardware sind moderne Colorimeter absolut erschwinglich, und man umgeht alle Unsicherheiten von Gebrauchtkauf oder Ausleihe.

Mit Spyder 4 Pro bekommen Sie ein ordentliches Messgerät und eine flexible Software. Es ist ein günstiges Standardprodukt in Sachen Monitorkalibrierung/-profilierung und deckt die allermeisten Anforderungen ab.

Wenn Sie möglichst billig wegkommen wollen, können Sie zu Spyder 4 Express greifen. Die Express-Software ist allerdings funktionell stark eingeschränkt. Käufern von Spyder 4 Express rate ich zur Verwendung der freien Software DispcalGUI, die solche Einschränkungen nicht hat. Hier finden Sie eine ausführliche Anleitung dazu.

Ein besonders hochwertiges Messgerät ist das X-Rite i1 Display Pro. Es empfielt sich für Anwender mit höheren Ansprüchen und insbesondere für die Kalibrierung/Profilierung von hochwertigen Monitoren mit großem Farbraum.

(Ihr Kauf bei Amazon über einen dieser Links unterstützt diese Internetseite.)

 

Autor: Andreas Beitinger
Letzte Änderung: März 2015

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